THORNGOTH – Interview
Infernal War Magazine Issue #6
released on 30.09.08


1. "Thelema of Destruction" - "Der Wille zur Zerstörung". Wille oder doch eher Zwang, wie es in den Texten hie und da durchschimmert?

Der Titel "Thelema of Destruction" wurde von einem Vers des Textes zu "Pentaclysm" entnommen. Der Text wurde von Akhorahil verfasst und im Kontext stand diese Textpassage für die Vereinigung der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Wir nahmen den Ausdruck zum Albumtitel, da er die negative Grundstimmung der der Songs widerspiegelt. "Der Wille zur Zerstörung" ist nur eine von vielen Inspirationsquellen der Texte

2a. Die Biografie lassen wir also elegant aus und blicken stattdessen noch einmal auf die letzte Veröffentlichung, "Thelema of Destruction". Das Album enthält viele sehr gute Momente, um ehrlich zu sein aber auch diverse für mich eher langweilige - zuwenig pointierte, zu alltägliche - Momente. Wie siehst du "T.O.D", jetzt wo ja die nächste Veröffentlichung ansteht, rückblickend selber?

Wir sind nach wie vor von den Kompositionen überzeugt. Ich habe mir beim Ausarbeiten der Riffs keine Gedanken darüber gemacht, ob etwas schon mal in ähnlicher Form da gewesen ist. Denn das Einzige was zählt, ist, dass es uns selbst gefällt. Wie Außenstehende die Songs beurteilen, ist absolut nebensächlich und hat keinen Einfluss auf das Songwriting. Im Nachhinein muss ich jedoch eingestehen, dass manche Songs wohl etwas zu langatmig geworden sind und so an Intensität einbüßen.

2b. "Rauhnacht": Der Devise "Nimm an, was nützlich ist. Lass weg, was unnütz ist. Und füge das hinzu, was dein Eigenes ist" kommt das Album schon um einiges näher. Will heißen: Ich halte das Album für wesentlich stärker als "T.O.D"; intensiver, origineller aber auch roher im Sinne von brutaler. Und eben eigenständiger. Siehst du selber klare Fortschritte zu "T.O.D." und was würden Fortschritte für dich überhaupt bedeuten bzw. was verstehst du unter einem Fortschritt?

Es ist ganz normal, dass sich eine Band bzw. der Songwriter sich in ihrem/seinem Schaffen verändert oder weiterentwickelt. "Rauhnacht" ist im Vergleich zu "T.O.D." wohl kompakter ausgefallen. Zudem lässt sich eine leichte stilistische Veränderung feststellen, die aber eher unbewusst aus Spontanität passiert ist. Fortschritt bedeutet für mich, nicht auf dem selben Level (technisch sowie kompositorisch) wie beim Vorgängeralbum zu bleiben und dieses nicht zu kopieren. Fortschritt bedeutet, etwas Neues auszuprobieren, andere Stilmittel zu verwenden und die bisherigen Stilmittel in einer neuen Art und Weise einzusetzen. Das ist vor allem im Black Metal von Nöten, da sonst diese Musikrichtung auf lange Sicht gesehen aufgrund von Unoriginalität und x-tausend ähnlich klingender Bands immer belangloser wird. Als positives Beispiel für Fortschritt wäre das "Halmstad" Album von Shining zu nennen, das wegen der genrefremden Einflüsse äußerst erfrischend wirkt.

3. Wie weit kann der Black Metal diesbezüglich denn überhaupt gehen?

Ich denke, dass es falsch ist, hier Grenzen aufzuerlegen. Es spielt keine Rolle mehr, ob man es noch Black Metal nennen kann oder nicht. Die Grenzen zwischen den einzelnen Genres des extremen Metals verwischen, je experimenteller eine Band vorgeht. Es kommt darauf an, wie man Black Metal definiert. Ich verstehe unter Black Metal Musik, die dunkle Atmosphäre erzeugt, die durch Energie und Intensität besticht, unabhängig davon was lyrisch thematisch behandelt wird. Eine mit uns befreundete Band, deren Stil man getrost als "True Black Metal" bezeichnen kann, sieht unsere Musik z.B. gar nicht mehr als Black Metal an. 4. Alle liefern Ideen, der Chef selektiert und fügt dann in sein eigenes Gebilde ein. Sehe ich das richtig? Wo liegt der gemeinsame Nenner aller Mitglieder, was entscheidet wirklich, was aufgenommen und verarbeitet wird? Was steht am Anfang und ist das Spiel auf dem Instrument wirklich immer Ausdruck ganz bestimmter Dinge oder wird da auch einfach mal ohne klares Ziel drauflos geprescht?

Ich bin Denker und Lenker bei Thorngoth. Das ist schon seit Anfang an so und wird auch so bleiben. Akhorahil bringt sich hin und wieder musikalisch ein. Der weitaus überwiegende Großteil der Musik stammt jedoch von mir. Akhorahil schrieb zu "T.O.D." neun von zehn Texten. Beim "Rauhnacht" teilten Akhorahil und ich uns die Arbeit an den Texten auf, von jedem stammt die Hälfte der lyrischen Ergüsse. Grond hat noch auf das Arrangement und selbstredend auf die Drumpatterns Einfluss. Corpse lasse ich Freiraum, wie er die (größtenteils von mir vorgegebenen) Bassläufe im Endeffekt gestaltet. Am Anfang steht immer ein Gitarrenriff, über das alles andere aufgebaut und weitergeführt wird.

"Rauhnacht" ist, genauso wie "T.O.D.", ein emotionales Album geworden. Es wäre allerdings übertrieben zu sagen, dass alles Ausdruck bestimmter Dinge darstellen soll. Der Hörer kann für sich selbst interpretieren, wie die Musik aufzufassen ist. Bei "Schiachperchten" setzt ab der Hälfte eine schwebende Lead-Gitarre ein. Dieser Moment kann als Beispiel für einen ganz bestimmten Ausdruck bezeichnet werden. Es soll etwas Übernatürliches und Mystisches vermittelt werden

5. Ist der Prozess des Komponierens nicht auch hie und da ein ziemlich nervtötender?

Als nervtötend kann man das Komponieren gewiss nicht bezeichnen. Ich sehe es als Herausforderung und sinnvolle Beschäftigung, Lieder zu komponieren. Auch kommt das Ganze der Selbstverwirklichung zu Gute, eigene Musik zu erschaffen. Es ist selbstredend, dass man von der eigenen Musik überzeugt ist. Auf jedes erschaffene Album kann man mit Stolz zurückblicken. Da jedem Album viele Emotionen und Arbeit reingesteckt werden, entsteht eine persönliche Bindung zur Musik.

Es ist allerdings wirklich anstrengend, wenn man sich mit dem Rest der Band uneins über den Ablauf eines Songs ist und versucht einen Kompromiss zu finden.

6. Was ist denn die Herausforderung und inwiefern macht es Sinn? Kommt es nicht vor, dass man auch einfach mal an einer solchen Herausforderung bricht? Bist du auch schon an deine eigenen Grenzen gestoßen, wo du sagen musstest: das verschieben wir?

Die Herausforderung besteht darin, das bisher Geschaffene zu übertreffen bzw. etwas anderes zu erschaffen, was man davor komponiert hat. Der Sinn liegt lediglich in der Zufriedenstellung meiner selbst bzw. der Band.

Ideen wurden dann verschoben oder aufgehoben, wenn sie stilistisch nicht zum restlichen Material passten. Die Grenzen lagen bisher eher darin, dass nicht alle Ideen zusammen mit anderen Musikern live umsetzbar waren. Wir haben darauf geachtet, dass man die Songs auch live spielen kann. Hätte ich solche Ideen bereits verwendet, wären die bisherigen Veröffentlichungen anders ausgefallen. Beim "Rauhnacht" Nachfolger habe ich diese Denkweise abgelegt. So werden dort auch Songs zu hören sein, die live nie gespielt werden. Das resultiert teilweise daraus, dass ich stellenweise Synthesizerklänge verwendet habe. Aber das ist im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik und hat mit "Rauhnacht" keinen Verwandten.

7. Ihr beschäftigt euch offensichtlich mit dem Brauch der Rauhnächte, wenn d'Nacht länger is ois da Dág - zumindest im in bairisch verfassten ‚Schiachperchten' (Das Herzstück nehme ich an?). Erzähl ein wenig von dieser Prozession und erkläre, wo die Verbindung zu Thorngoth zu suchen ist. Im Geheimnisvollen, im geheimen Wissen vielleicht? In dem Stück kommt der "staade Sää" vor, der einzige, der weiß, wer ‚sie' sind. Wer oder was ist der "Staade Sää"? Ganz einfach: Was hat der dämonische Umzug für eine Bedeutung?

Die Rauhnächte an für sich sind kein Brauch. Das, was du mit Prozession und Umzug meinst, ist der Perchtenlauf, der allerdings nicht direkt in unserer Gegend praktiziert wird bzw wurde. In einigen lokalen Legenden und Erzählungen heißt es, dass während der Rauhnächte die bösen Geister und Dämonen ihr Unwesen treiben und die Wilde Jagd (Oskorei) statt findet. Diese Geister galt es früher mit dem (Schiach)Perchtenlauf zu vertreiben.

"Schiachperchten" kann man nicht als Herzstück bezeichnen, da "Rauhnacht" kein Konzeptalbum ist. Viel mehr habe ich den Titel gewählt, weil man "Rauhnacht" mit allem mystischen, obskuren, unheimlichen und wohl auch unangenehmen assoziieren kann.

Ich habe mich von der Natur inspirieren lassen, als ich den Text zu "Schiachperchten" schrieb. Vor allem von dem Ort, der im Hintergrund zu dem Text abgebildet ist. Dazu hab ich noch den Perchten-Mythos mit einfließen lassen. "Da staade Sää" bedeutet nichts anderes als "Der stille See". Für den bairischen Dialekt gibt es keinen festen Rechtschreibregeln, d.h. jeder kann die Wörter schreiben wie er es für richtig hält. Im Mittelbairischen neigt man bei Wörtern wie See oder Schnee dazu, ä statt e zu sprechen. Daher meine Schreibweise mit zwei ä. Als Symbol für etwas ewig bestehendes und über den Geistern stehendes weiß die Natur (der See, die Berge), wer die Geister und Dämonen sind.

8. Ist es erstrebenswert, das zu wissen? Machst du deshalb Musik, etwas eigentlich ewig bestehendes, um die Geister und Dämonen zu erkennen? Versuchst du, mit der Musik die Tore zu öffnen? Was ist dein Antrieb und welchen Umständen entspringt er? In ‚Der Wanderer' beispielsweise greift ihr extrem romantische Motive auf. Die Sehnsucht, das Reisen etc. Wohin führt die Reise, was ist das Ziel?

Sich Wissen anzueignen ist doch immer erstrebenswert, oder etwa nicht? In diesem Fall kann man aber nicht von Wissen sprechen. Zudem glaube ich nicht direkt an solche Wesen, personifiziert als gewisse Geister, eher an etwas allgemein Übernatürliches, das als solches nicht beschrieben werden kann. Die Musik führt in diese Welt hinein. Als Antrieb hierfür kann man meinen Sinn für's Mystische und Okkulte nennen. Rückzug aus dem Alltag und mein Interesse an oben genanntem können als Ursprung hierfür bezeichnet werden. "Der Wanderer" ist einer der Texte, die hauptsächlich von Akhorahil verfasst wurden. Zusammengefasst geht es um eine Reise durch Dunkelheit und Einsamkeit, metaphorisch gesprochen der Weg von den Lebenden zu den Toten.

9. Hübsch anzusehen ist ja auch das Frontcover. Big Brother is watching you, kommt mir da spontan in den Sinn. Erzähl ein wenig zur Arbeit diesbezüglich und was du persönlich mit dem Bild verbindest. Wie wichtig würdest du die Bildgestaltung für Thorngoth einschätzen?

Das Frontcover repräsentiert den Charakter von "Rauhnacht": etwas obskures und mächtiges steht über einem. Hier gibt es wieder Interpretationsfreiraum, was man darin erkennen mag. Ich sehe darin die Augen eines Geistes, der am Himmel oben beobachtet, wer sich in seine Gefilde wagt. Das gesamte Artwork wurde von dem selben Designer entworfen, der auch für "T.O.D." dafür verantwortlich war. Allerdings wurden zu "Rauhnacht" im Booklet Fotos verwendet (die hauptsächlich von mir geschossen wurden), in denen die Natur in unserer näheren Umgebung zu sehen ist. Das Artwork sehe ich als wichtigen Bestandteil einer Thorngoth CD. Die Musik soll mit dem Artwork eine Symbiose eingehen. Sie soll dadurch widergespiegelt werden.

10. Und um kurz noch einmal auf den bairischen Dialekt sprechen zu kommen: Wie wichtig ist dir die Sprache in Bezug auf die Musik? Wie wichtig ist dir die Heimat?

"Schiachperchten" wird wohl der einzige Song bleiben, zu dessen Text der bairische Dialekt verwendet wurde. Der Gedanke dahinter war, dass die Schiachperchten als Dämonen/Geister aus dem bayrisch/österreichischem Raum ebenso in dieser Sprache kommunizieren. Ich denke nicht, dass ich für Thorngoth noch mal einen Text in diesem Dialekt verfassen werde.

Zum Thema Heimat: ich lebe ziemlich gerne hier. Aufgrund der Lage am Alpenrand leben wir in einer eher ruhigeren Gegend. Was aber nicht heißt, dass wir am Arsch der Welt wohnen, alleine schon wegen der relativen Nähe zu München nicht. Obwohl teilweise recht viel Tourismus herrscht, bietet sich dem Einheimischen die Möglichkeit, sich in die Natur zurückzuziehen.

11. Ihr werdet ja sicherlich in nächster Zeit vermehrt Konzerte spielen. Kommt da die Schweiz auch mal zum Zug?

Nach momentanem Stand sind nur die Gigs in Berlin und Erfurt am 07.11.08 und 08.11.08 sicher. Was danach kommt, kann ich noch nicht sagen. Wir haben uns jedenfalls vorgenommen, nicht mehr zu oft in der selben Gegend zu spielen. Das nächste (offizielle) Konzert in Bayern wird also auf sich warten lassen. Ich habe vor zwei Monaten zum Glück nach langer Suche mit Winland wieder einen Live-Gitarristen gefunden. Die Musik von Thorngoth lässt sich nur mit zwei Gitarristen umsetzen, und da Nephesus im März endgültig ausgestiegen ist, stand es in der Schwebe, ob wir demnächst überhaupt die Möglichkeit haben, auftreten zu können.

Was die Schweiz angeht hat mir vor ca. einem Jahr ein Mitglied von Helvetic Manifest ein Angebot gemacht, woraus aber nichts geworden ist. Wir sind aber für die Schweiz zu haben, sollte uns ein entsprechendes Angebot gemacht werden.

12. Entfaltet sich die Musik von Thorngoth an Konzerten noch einen Zacken besser; - für euch selber? Was geht in dir vor, da oben auf der Bühne? Ich kann mir gut vorstellen, dass Thorngoth vor allem live mit ordentlich Schmackes einschlagen, habe euch aber leider noch nie gesehen.

Wie die Musik live für den Konzertbesucher wirkt kann ich schlecht beurteilen. Bisher gab es eigentlich nur positive Kritiken. Wir selber konzentrieren uns viel mehr darauf, dass beim Auftritt alles glatt läuft. Da der Bühnensound bisher oft leider zu wünschen übrig ließ, tat sich jeder Musiker der Band schwer, alles raushören zu können. So konnte sich die Musik für uns nicht so entfalten, wie sie es auf dem Tonträger tut. Dennoch denke ich, dass live für den Besucher die Atmosphäre der Songs wie gewünscht rüberkommt.

13. Das letzte Wort gebührt traditionsgemäß selbstverständlich dir. Ich danke für das Interview und wünsche dir viel Erfolg auf dem weiteren Weg.

Ich danke für das Interview und die interessanten Fragen!